
Im letzten Beitrag ging es um deine Schutzmauern, die verhindern, dass du wirkliche Nähe und glückliche Beziehungen zu anderen Menschen zulassen und erleben kannst. Und du hast in dem Artikel bereits fünf dieser Schutzmauern kennengelernt.
Im diesem und den folgenden Beiträgen möchte ich diese Mauern genauer beschreiben, erklären, warum sie entstehen und dir dabei helfen, sie Stein für Stein abzubauen, wenn sie dich gefangen halten.
Die unsichtbare Mauer zwischen dir und anderen
Es ist Samstag Abend. Dein bester Kumpel schmeißt eine Party zu seinem Geburtstag und natürlich bist du dabei! Der Abend läuft super! Es sind viele coole Leute da. Menschen, mit denen man zusammen feiern, trinken und lachen kann. Und du bist mittendrin. Nicht nur einfach dabei, sondern oft im Mittelpunkt. Du hast viele Geschichten zu erzählen. Zu den Erlebnissen der anderen fällt dir meist ein lustiger Spruch ein, über den alle lachen. Du genießt das Beisammensein mit diesen Menschen.

Und trotzdem fühlst du dich, als wärst du nicht ganz dabei. Als wäre eine Glaswand zwischen dir und den anderen. Eine Wand, die keine deiner Storys durchbrechen kann. Und am Ende des Abends fragst du dich ratlos, warum du dich leer und unglücklich fühlst, obwohl die Party super war. Du bist ratlos, weil du dich einsam fühlst, denn schließlich warst du die ganze Zeit im Kontakt. Aber da ist so ein nagendes Gefühl von irgendwie nicht wirklich dabei gewesen zu sein. Ein leises „Da fehlt doch was“. Aber du kannst es einfach nicht greifen.
Erkennst du dich in diesem Szenario wider?
Das ist eine der häufigsten – und gleichzeitig unsichtbarsten – Schutzmauern:
Die Mauer der emotionales Distanz
Die bittere Wahrheit ist: Du warst nie wirklich im Kontakt!
Denn echter Kontakt entsteht nicht aus Worten, nicht aus tollen Storys oder lustigen Witzen. Echter Kontakt entsteht aus Präsenz und aus Emotionen.
Viele Menschen, die sich in ihrem tiefsten Inneren einsam fühlen, haben Angst vor echten Kontakten und vor echter Nähe. Denn Nähe zu anderen Menschen kann Gefühle auslösen. Und Gefühle lassen sich schwer kontrollieren. Gefühle können weh tun, sie können Erinnerungen an alte Erfahrungen wachrufen, in denen du dich unsicher oder verletzt gefühlt hast. Und diese Erinnerungen machen Angst. Angst vor Kontrollverlust. Und diese Angst sorgt dafür, dass man andere Menschen lieber direkt auf Abstand hält, bevor man verletzt werden könnte.
Menschen, die diese Schutzmauer unbewusst aufbauen, haben irgendwann in ihrem Leben die Erfahrung gemacht, dass Kontakt, Nähe und Gefühle, die sie für andere Menschen empfunden haben, nicht sicher waren. Dass diese zu Verletzungen geführt haben, mit denen sie nicht umgehen konnten, sodass sie unbewusst beschlossen haben, niemals wieder jemanden nah an sich heran zu lassen.
Dass diese Menschen gleichzeitig oft im Mittelpunkt stehen und andere sogar um sich scharen können, muss dabei kein Widerspruch sein. Denn auch diese Menschen haben das Bedürfnis, nicht alleine zu sein. Und gleichzeitig können sie, wenn sie im Mittelpunkt stehen, das Geschehen kontrollieren und beeinflussen, wie nah sie jemanden wirklich an sich heran lassen. Wer spricht, der führt.
Solange sie selbst die Themen bestimmen, können sie sie wechseln, wenn es zu persönlich wird. Oder sie schaffen mit Humor Distanz zu den Gefühlen, wenn es doch mal persönlich wird.

Das wirklich Kluge an dieser Schutzmauer ist, dass sie es ermöglicht, mit anderen Menschen in einen gewissen Kontakt zu treten und trotzdem die Distanz zu wahren, so dass echte Nähe ausbleibt und erneute emotionale Verletzungen verhindert werden können.
Nur leider schützt diese Mauer nicht vor Einsamkeit. Im Gegenteil.
Am Ende des Abends kennen deine Bekannten – und vielleicht sogar deine besten Freunde – deine Erlebnisse, deine Storys und deine Witze. Aber sie kennen dich nicht. Sie wissen nicht wirklich, wie du denkst, wie du fühlst und wie es dir in deinem tiefsten Inneren wirklich geht.
Und das macht einsam.
Hast du dich wiedererkannt…
…weißt aber nicht, wie du diese Schutzmauer einreißen kannst?
Dann sei geduldigt mit dir. Wichtig ist, dass du jetzt nicht den Vorschlaghammer auspackst und diese Mauer einfach zertrümmerst. Das könnte dein System nicht halten. Trage stattdessen einen Stein nach dem anderen ab:
– Werde achtsam für deine Körperempfindungen: Wenn du merkst, dass du wieder einen lustigen Spruch oder eine hammer Story erzählen möchtest, halte erst mal inne und spüre in deinen Körper hinein: Spürst du gerade eine Anspannung? Zieht sich etwas zusammen? Möchtest du den Blick abwenden oder zum Handy greifen? Nimm diese Empfindung drei Atemzüge lang wahr, bevor du reagierst und deine nächste Story auspackst.
– Übe in kleinen Schritten, dich authentisch zu zeigen: Dazu musst du nicht direkt dein ganzes emotionales Innenleben offenbaren. Wenn dich z. B. jemand fragt, wie es dir geht, antworte nicht mit dem üblichen „Mir geht’s gut.“, sondern probiere mal, etwas Ungefährliches aber Echtes zu sagen wie „Ich fühle mich müde.“ Öffne dich in kleinen Schritten und beobachte, wie dein Umfeld reagiert.
– Menschen, die andere auf Distanz halten, empfinden diese Distanz auch sich selbst gegenüber. Wenn du aber echte Nähe erleben willst, brauchst du zunächst eine echte Verbindung mit dir selbst. Diese findest du mit kleinen täglichen Routinen. Schreibe dir jeden Abend drei Gefühle auf, die du am Tag gefühlt hast. Sei dabei ganz ehrlich mit dir. Verstecke nichts. Das bringt dich zu dir selbst – an den Ort, an dem du alle Sicherheit findest, die du brauchst.
Im nächsten Beitrag wird es um eine weitere Schutzmauer gehen, die dafür sorgt, dass du dich einsam fühlst und echte Nähe nicht entstehen kann.
Wenn du merkst, dass das Thema der Einsamkeit und der Schutzmauern etwas ist, das dich begleitet und es dir einfach nicht gelingt, die Mauer abzubauen, dann lass uns sprechen! Denn manchmal braucht es einen anderen Menschen, der einen auf einem solchen Weg an die Hand nimmt und begleitet. Und ich würde mich wirklich freuen, wenn ich für dich dieser Mensch sein könnte.

P. S.: Und natürlich freue ich mich über einen Kommentar unter diesem Beitrag. Was hat dir gefallen? Worüber möchtest du mehr erfahren? Teile es gerne mit mir, damit ich in den nächsten Beiträgen darauf eingehen kann.