Die Einsamkeit hinter der Maske

Endlich ist es wieder soweit: Du hast ein lang ersehntes Date! Der Typ, mit dem du die letzten Wochen geschrieben hast, ist einfach total sexy und hoch interessant! Und endlich ist es soweit. Ihr geht zusammen aus!

Aber unter deine Vorfreude mischt sich auch ein anderes Gefühl. Eine Angst. Eine Unsicherheit: „Bin ich gut genug?“, „Wird er mich wirklich mögen?“, „Was, wenn ich nicht interessant genug bin?“ Und auf einmal merkst du, wie sich deine Vorfreude in Bedenken verwandelt. Du hinterfragst die Kleiderwahl für den Abend: „Wird er mich in meiner Lieblingshose wirklich attraktiv finden? Oder soll ich doch lieber diesen unbequemen Rock tragen?“ oder „Vielleicht sollte ich ein bisschen mehr Make-Up auftragen als sonst, damit er meine Hautunreinheiten nicht sieht!“

Und dann steht ihr voreinander. Es scheint alles gut zu laufen. Ihr versteht euch wirklich super. Dein Interesse wächst mit jeder Minute. Aber dann plötzlich lädt er dich für nächstes Wochenende auf ein Konzert ein. Seine All-Time-Lieblings-Death Metal-Band spielt in der Nähe! Ein Teil in dir freut sich wahnsinnig über diese Einladung, denn sie zeigt dir, dass du ihm auch was zu bedeuten scheinst und du willst unbedingt dabei sein. Aber mit Death Metal kannst du absolut nichts anfangen, im Gegenteil! Von dieser Musik bekommst du eher Kopfschmerzen. Bevor du dir aber eine passende Antwort überlegen kannst, hörst du dich schon sagen: „Ja cool! Da bin ich auf jeden Fall dabei!“

Das nächste Wochenende kommt. Ihr geht gemeinsam auf das Konzert und während er wahnsinnig viel Spaß hat und sich darüber freut, mit dir eine vermeintlich gleichgesinnte Death Metal-Liebhaberin als Begleitung zu haben, zählst du die Minuten bis zum Ende des Abends. Aber damit nicht genug: Als er dich in seinem Auto nach Hause fährt, läuft das akutelle Album genau dieser Band rauf und runter. Und natürlich fragt er dich, ob du nächsten Monat mit zum Party.San-Festival kommen magst – eines der härtesten Szene-Event. Plötzlich dreht sich in dir alles nur noch um die Frage: „Hilfe! Wie komme ich aus dieser Nummer wieder heraus, ohne mein Gesicht zu verlieren?“ Und diese Frage stellst du dir noch während des Festivals, auf das ihr inzwischen als Paar geht. Und du stellst sie dir noch drei Jahre später nach unzähligen gemeinsamen Konzerten, Festivals und Stunden um Stunden, die du in eurer gemeinsamen Zeit diesen „Lärm“ ertragen hast. Aber du findest einfach keinen Weg, ihm zu sagen, dass du mit dieser Musik nichts anfangen kannst. Mit jedem Tag wird es schwieriger und schwieriger.

Das Gefängnis der Maske

Es gibt kaum ein schlimmeres Gefühl, als abgelehnt zu werden. Vor allem dann, wenn sich die Ablehnung auf dich als Mensch bezieht, auf deine Eigenarten, deine Vorlieben, Bedürfnisse oder Gefühle.

Gleichzeitig wachsen die meisten Menschen in einem Umfeld auf, das ihnen schon von frühester Kindheit an sagt, wie sie zu sein haben – oder wie sie nicht zu sein haben: „Tu dies!“, „Lass das!“, „Du musst dich anpassen!“, „Sei brav! Sei nicht so laut! Halt dich mal zurück!“

Das Fatale ist, dass du auf diese Weise lernst, dass du, so wie die bist, nicht gut genug oder sogar fehlerhaft zu sein scheinst. Und dieses Gefühl ist nicht nur extrem schmerzhaft. Es greift dich tief in deinem Inneren, in deiner Identität an und verunsichert dich.

Daher hinter steckt auf unbewusster Ebene die alte Urangst, aus der Familie ausgeschlossen zu werden. Für unsere Vorfahren war es überlebenswichtig, dass sie von ihrem Stamm anerkannt und gewertschätzt wurden. Wären sie abgelehnt und aus ihrer Gruppe vertrieben worden, hätten sie nicht lange überlebt. Und diese alte Prägung steckt immer noch tief, tief in uns. Und so tun wir heute noch alles dafür, nicht ausgestoßen zu werden.

Das heißt: Du passt dich an. Du hältst deine unsere Meinung zurück. Du stellst deine Bedürfnisse hinten an. Du rückst deine Mitmenschen (den Partner, die Kinder, die Freunde oder Familie) in den Mittelpunkt deines Lebens und tust alles dafür, dass es ihnen gut geht. Daran ist auch grundsätzlich nichts falsch. Problematisch wird es aber, wenn du hinter deiner Fürsorge und Anpassung an diese Menschen, selbst ganz verschwinden.

Der Haken an der Sache

Während dein Unterbewusstsein alles dafür tut, dass du überlebst, gibt es aber auch einen anderen Teil in dir: Einen Teil, der gesehen werden will. Der wirklich geliebt werden will und zwar genauso, wie du bist. Du wünschst dir, dich bei einem anderen Menschen fallen lassen zu können und dich so zeigen zu können, wie du wirklich bist. Mit all deinen Macken, Fehlern und Unzulänglichkeiten, während du aber gleichzeitig eine undurchdringlich Masken aufsetzt.

Das bedeutet, du sprichst nicht über deine Bedürfnisse sondern stellst sie hinter denen des anderen an. Du setzt keine Grenzen, wenn dein Gegenüber etwas tut, was dir nicht passt. Du sprichst es nicht aus, wenn du anderer Meinung bist als andere. Du tust alles dafür, dass du lieb und nett erscheinst und gemocht wirst.

Dabei passiert aber etwas extrem Trauriges: Du selbst wirst nicht gesehen! Denn wer nicht sagt, was er denkt, fühlt und braucht, kann von seinen Mitmenschen nicht in seinem wahren Ich erkannt werden. Die anderen sehen nur die Maske, die du ihnen zeigst. Wenn du also die ganze Zeit vorspielst, Death Metal zu mögen, wie können sie erkennen, dass du diese Musik nicht ausstehen kannst? Und wie könnte es dann möglich sein, mit ihnen auf ein Konzert gehen, dass dir wirklich zusagt? Und mit der Zeit wirst du in deiner Beziehung immer unsicherer und unsicherer und einsamer und einsamer.

Und wenn du dich dann schließlich doch traust, deine Gedanken zu äußern, oder auszusprechen, was du wirklich fühlst und willst, dann fühlen sich die anderen wie vor den Kopf geschlagen und fragen sich, was mit dir los ist. Sie wundern sich und bekommen plötzlich das Gefühl, dich nicht (mehr) zu kennen. Sogar vorher halbwegs stabile Beziehungen können dadurch ins Wanken geraten oder zumindest sehr verunsichert werden.

Versteckst auch du dich hinter einer Maske?

Wenn du dich wiedererkennst, möchte ich dir zuerst einmal mitgeben, dass diese Strategie ein Schutzmechanismus ist. Sie ist ein Versuch deines Unterbewusstseins, Zugehörigkeit und Verbundenheit sicherzustellen. Leider bewirkt dieser Schutzmechanismus jedoch das Gegenteil und führt langfristig in die Isolation.

Deshalb möchte ich dich ermuntern, deine Maske endlich abzulegen.

Oder sie zumindest ein wenig zu lüften. Denn wenn du sie schon lange Jahre getragen hast, wird es dir wahrscheinlich erst einmal sehr schwer fallen, dich wahrhaftig zu zeigen. Gib dir Zeit und sei geduldig mit dir.

Und vor allem: Übe zunächst einmal in harmlosen Situationen. Dein Partner möchte etwas anderes zu Abend essen als du? Dann nenne dein Bedürfnis Sage ihm, was du möchtest. Danach könnt ihr natürlich gemeinsam überlegen, was ihr esst. Aber sprich deinen Wunsch aus.

Du möchtest am Wochenende lieber zuhause bleiben, während deine Familie einen Ausflug machen möchte? Sprich aus, was du brauchst und sucht dann nach Lösungen.

Wenn du merkst, dass du in kleinen alltäglichen Situationen auch dann angenommen wirst, wenn du dich so zeigst, wie du bist, wird es dir mit der Zeit immer leichter fallen, dich auch in herausfordernden Momenten authentisch zu zeigen.

Vielleicht magst du aber auch mal ein Gespräch mit deinen Liebsten führen und ihnen von deinen Ängsten und Unsicherheiten erzählen? Vielleicht sind sie ganz interessiert, wenn du ihnen berichtest, dass es dir manchmal schwer fällt, deine Meinung zu äußern. Möglicherweise haben sie auch schon längst gemerkt, dass du dich in manchen Situationen stark anpasst und sind offen dafür, zu erfahren, wer du wirklich hinter deiner Maske bist. Probier es einmal aus und schaue, was passiert!


Wenn du dir auf diesem Weg zu dir selbst Unterstützung wünschst, dann lass uns sprechen! Denn manchmal braucht es einen anderen außenstehenden Menschen, der dir auf einem solchen Weg den Rücken stärkt. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ich für dich dieser Mensch sein könnte.

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